Patron des Radsports

Ein Wochenende lang war St. Wendel der Nabel der Radsportwelt. Bei der Cross-WM gab sich die Elite die Ehre. Und 50.000 Fans waren begeistert. St. Wendel war fest in belgischer Hand. Auch der heilige Wendelin hätte seine helle Freude gehabt.

Autor: Andreas Ganz im Februar 2011.

Der Heilige Wendelin, Namensgeber der Stadt Sankt Wendel, war ein frommer Mann, dem sogar Wunder nachgesagt wurden. Zu seiner Berühmtheit trug nicht zuletzt die Legende vom Begräbniswunder bei, die besagt, der Leichnam des Heiligen habe am Tage nach seinem Begräbnis neben dem geöffneten Grab gelegen. Zu Lebzeiten betätigte er sich außerdem als Heiler, denn er hatte tiefe Kenntnisse von der Pflanzenkunde. Mag also sein, dass Wendelin am letzten Januar-Wochenende 2011 auch dem Radsport ein Symbol und Sinngeber war. Denn die totgesagte Sportart, auf die viele am liebsten endgültig den Deckel legen würden, sprang in Sankt Wendel quicklebendig aus der Kiste. Die Weltmeisterschaften im Cyclocross bildeten den Rahmen für ein zweitägiges Volksfest mit rund Fünfzigtausend internationalen Besuchern. Und das, obgleich sie manche ihrer Totengräber wie den heftig umstrittenen Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer, Burckhard Bremer, oder den Präsidenten des Welt-Radsport-Verbandes Pat McQuaid gleich mitgebracht hatte. Die Radwelt war an diesem Wochenende in Ordnung, weil Sankt Wendels Bürgermeister Klaus Bouillon nicht müde wird, die Region mit attraktivem Sport zu beglücken und das Ganze typisch saarländisch zu zelebrieren. Dazu gab es eisige Temperaturen und strahlenden Sonnenschein.

Da klassische Wintersportarten im Saarland nicht sonderlich verwurzelt sind, lud Sankt Wendel erneut zum Querfeldein-Radfahren ein. So hieß die Sportart früher, als ihr Fahrer wie Rolf Wolfshohl, Klaus-Peter Thaler oder Mike Kluge in Deutschland ein Gesicht gaben. Erfunden wurde ‚Querfeldein’ wohl von den Straßenrad-Profis, die im Winter ihr Training in Nord- und Mitteleuropa ins Gelände verlegten und dort schließlich auch Rennen austrugen. Gefahren wird auf Rädern, die sich kaum von denen der Straßen-Profis unterscheiden. Scheibenbremsen, wie sie an den meisten Mountainbikes zu finden sind, kommen nicht zum Einsatz. Wurden früher die Räder über weite Strecken im Rennen geschultert, kommt es heute wesentlich mehr auf Fahrtechnik an. Radcross führt ein gewisses Schattendasein, da es nicht als Wintersportart gilt, im Sommer jedoch kaum ausgeübt und damit nicht als Olympische Disziplin anerkannt wird. In Belgien ist Cyclocross dennoch eine Nationalsportart. So befanden sich unter den Zuschauern in Sankt Wendel mehr als Zehntausend Belgier, und obwohl auch ihr Land nicht als klassische Wintersportnation bekannt ist, wurde neben der Rennstrecke eine riesige Après-Ski-Party ins Saarland verlegt. Für die zwischen 35 und 65 Minuten langen Rennen pilgerten die Fans an den 2,8 Kilometer langen Rundkurs um die Fahrer und Fahrerinnen lautstark zu unterstützen, ehe sie sich wieder in ihr riesiges Festzelt begaben, fest entschlossen, unter den Klängen von DJ Ötzi die belgischen Biervorräte zu vernichten. Dabei hatten die erfolgsverwöhnten Belgier sportlich gesehen nicht viel zu feiern. Nicht einmal in ihrer Königsdisziplin, dem sogenannten Eliterennen der männlichen Profis, reichte es zu Gold. Sven Nys, Weltmeister 2005 an gleicher Stelle, konnte den Tschechen Zdenek Stybar nicht stoppen. Der Titelverteidiger siegte im Bosenbachstadion vor Nys und dessen Landsmann Kevin Pauwels. Kleiner Trost für die belgischen Fans: Stybar wechselt im Frühjahr als Profi auf die Straße. Und nicht nur das: Er wird das Trikot der belgischen Kult-Mannschaft Quick Step tragen.

Philipp Walsleben wurde als Fünfter bester Deutscher und war damit ebenso zufrieden wie Sascha Weber aus Sankt Wendel, der nach einer sehr guten Leistung in seinem ersten WM-Rennen bei den Profis den 25. Rang belegte. Die bekanntesten deutschen Vertreter im Radcross fahren derzeit jedoch bei den Frauen. Am Sonntagvormittag wollten Hanka Kupfernagel, unter anderem Weltmeisterin in Sankt Wendel 2005, und die damalige Zweite, die Mountainbike-Olympiasiegerin von Peking, Sabine Spitz, nach Medaillen greifen. Kupfernagel übernahm sofort die Initiative, musste im Verlauf des Rennens jedoch eine Spitzengruppe ziehen lassen und wurde am Ende Vierte. Sabine Spitz hatte keinen guten Start erwischt, wurde jedoch mit jeder Runde stärker und belegte schließlich Rang zehn. Es gewann die 23-jährige Niederländerin Marianne Vos.

Zu sehen waren die Sonntagsrennen auf TV-Kanälen in aller Welt – nicht nur in Belgien, wo der Crosssport ein echter Quotenrenner ist. Auch in Deutschland, Tschechien, den Niederlanden, Italien, den USA oder Japan konnte man die vom Saarländischen Rundfunk produzierten Bilder empfangen. Sankt Wendel ist die Radsport-Hauptstadt des Saarlandes, und was andernorts als Schimpfwort empfunden würde, wird hier gerne mit Wirtschaftlichkeit begründet. So weist Bürgermeister Bouillon immer wieder auf die Weltmeisterschaft als Wirtschaftsfaktor hin. Hotels im Umkreis von Sankt Wendel waren fast komplett ausgebucht, im gesamten Saarland war es an diesem Wochenende schwer, eine Übernachtung zu bekommen. Der WM-Tourismus bringt dem Saarland laut Bouillon eine Wertschöpfung von fast drei Millionen Euro. Sankt Wendel will seine Position als Tourismus-Region ausbauen und schaut dabei über die Grenzen. In Belgien beispielsweise ist die Stadt dank der Durchführung verschiedener Rad-Events wohl berühmter als in Deutschland. Die belgischen Zuschauer danken es mit Ferien in Sankt Wendel.

Am Samstagvormittag präsentierte sich jedoch zunächst Frankreich als Cross-Nation. Am Vortag konnte man beobachten, wie die Brüder Loic und Fabien Doubey ein ums andere Mal einen kurzen Schräghang überfuhren. In weiser Voraussicht wie sich zeigte, denn diese Stelle, über die die Fahrer 2005 noch relativ locker hinweggegangen waren, erwies sich an diesem Wochenende als echter Prüfstein. Der erst tief gefrorene, im Laufe des Tages auftauende und sich in eine matschige Rutschbahn verwandelnde Boden stellte die Fahrer vor die Frage ‚Fahren oder Schieben?’ Das Ergebnis war oft das gleiche. Hier zeigten sich die technischen Fähigkeiten der Cross-Spezialisten. So mancher verlor auf diesen wenigen Metern ein ganzes Rennen. Auch die Brüder Doubey. Offenbar hatten sie leichtsinnigerweise ihr Wissen an den Teamkollegen Clément Ventourini weitergegeben, denn der entschied das Rennen der Junioren für sich und verwies Fabien und Loic auf die Plätze Zwei und Drei. In der Klasse U23 siegte anschließend der Niederländer Lars van der Haar, nachdem er kurz vor dem Ziel seinen eigenen Landsmann Mike Teunissen eingeholt hatte.

Sankt Wendel wird weiterhin dem Radsport abseits der Straße treu bleiben. So werden die Europameisterschaften im Cyclocross 2014 auf dem WM-Parcours stattfinden. Deutsche Fahrer wie Walsleben und Weber, die junge Sabrina Schweizer oder Talente wie Ole Quast und Marcel Meisen sind dann vielleicht schon auf dem Niveau, um Medaillen mitzufahren. An der Qualität des Fahrerfeldes ändert sich im Vergleich zur WM wenig, die einzige Medaille für einen Nicht-Europäer ging in diesem Jahr an die Amerikanerin Katherine Compton. Noch unvergesslicher dürfte das WM-Wochenende für ihren Landsmann Jonathan Page sein. Er belegte im Männer-Rennen zwar nur den zwölften Rang, war darüber jedoch alles Andere als enttäuscht, denn Page hatte Wichtigeres im Sinn. Seine Frau war mit zur WM gereist und hochschwanger. Am Montag brachte sie schließlich in Sankt Wendel die gemeinsame Tochter Pearl Wendel zur Welt. Wie auch immer man also dazu stehen mag, der Radsport und Sankt Wendel haben ein höchst profitables Arrangement getroffen. Und Wendelin, der in manchen Erwähnungen auch als „Pestheiliger“ bezeichnet wird, scheint genau der richtige Patron für die dahinsiechende Sportart zu sein. Schließlich versprach man sich von den Pestheiligen einst wenn nicht die Errettung von der todbringenden Krankheit, so doch wenigstens Beistand bei den Leiden, die sie brachte. Dem Radsport kann es also nicht schaden, wenn er sich in regelmäßigen Abständen unter Wendelins Patronat begibt. Für eine von der Pest befallene Sportart wirkte er an diesem Wochenende jedenfalls ausgesprochen munter.

Andreas Ganz für Magazin Forum im Januar 2011.

 

 

 

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