Nur Fliegen ist schöner

Artikel von Andreas Ganz über Sepak Takraw für sr-online.de 2002.

Nongkhai, Nordost-Thailand. Drei deutsche Urlauber spazieren am Ufer des Mekhong entlang. Alle ausgestattet mit einem gewissen Talent zum Fußballspielen und der Arroganz der Angehörigen einer (mittlerweile verblassenden) Fußballgroßmacht; in einem Land, das in dieser Sportart zu den Entwicklungsländern gezählt wird.

Sie kommen an ein buddhistisches Kloster, dessen Hof zur Uferpromenade geöffnet ist. In der Mitte des Platzes ist ein Netz gespannt, etwa 1,80 Meter hoch. Was sie da zu sehen bekommen, verschlägt den Landsleuten von Völler und Vogts den Atem: Extrem drahtige, geschmeidige Thais spielen mit einem Ball von etwa 20 cm Durchmesser Fußballtennis. Doch sie spielen es nicht “deutsch”, wie im Sommer im Schwimmbad; also angeschnittene Bälle mit dem Außenrist oder, besser noch, Vollspann. Was die Jungs zeigen, gleicht eher einer Fußball-Kampfkunst.

Drei Kontakte pro Dreierteam und keine Bodenberührung sind erlaubt. Auf die Angabe erfolgt die Annahme mit der Fuß-Innenseite zu einem Mitspieler direkt am Netz. In Volleyball-Manier stellt dieser den Ball steil in die Höhe. Dann, und spätestens in diesem Moment erreichen die drei Zuschauer einen Zustand höchster Erregung, sieht man einen Spieler in ungeahnte Höhen aufsteigen, um den Ball schräg in der Luft liegend auf die andere Seite zu schmettern.

Wo wiederum, man mag es kaum glauben, ein Spieler den Ball anzunehmen im Stande ist, ihn abspielt, stellen, schmettern und so weiter. Jede Aktion reif für die Sportschau; Bewegungen und Flugeinlagen, Pässe mit der Hacke, Fallrückzieher und sonstige technische Höchstleistungen, von denen unsere drei Sportler nicht zu träumen wagten.

Ein Satz geht bis 15, auch die Zählweise erfolgt wie beim Volleyball. Nachdem die einheimischen Spieler ihre Partie beendet haben, laden sie freudig ihre exotischen Zuschauer zu einem Länderspiel ein.

Und nun prallen zwei Kulturen aufeinander. Dem energiegeladenen, technisch brillanten Spiel der Thais setzt das deutsche Team die Spielweise entgegen, die es seit Jahrhunderten auszeichnet: Risikoarm, auf Ballhalten bedacht, Sicherheitspässe, Kopfbälle und Schüsse mit Voll- und Außenspann. Damit haben die Gastgeber nicht gerechnet, so hat noch keiner ihr Spiel gespielt. Völlig überrascht, etwas entsetzt aber dennoch voller Anerkennung und Mitfreude gratulieren sie dem Underdog zum knappen Gewinn des ersten Satzes. Ebenfalls knapp enden die beiden nächsten, allerdings gegen “Die Mannschaft”, so dass am Ende die Sepak Takraw-Großmacht Thailand einen 2:1-Sieg über den Herausforderer aus Deutschland erringt. Die Verhältnisse sind geklärt.

Auf ihrem Rückweg von der Stätte der Erkenntnis kaufen sich die Takraw-Lehrlinge den Spielball im “Local Style” (aus Rattan) und in der Wettkampfform (aus Plastik). Kein Tag vergeht von da an, ohne dass die drei ihr Können im südostasiatischen Fußballtennis zu mehren versuchen. Noch heute kann man sie immer wieder an den Saarwiesen oder den Weihern rings um die saarländische Landeshauptstadt bei ihrem exotischen Sport beobachten.

Wer allerdings die Chance hat, die wahren Meister des Sepak Takraw in seinem Entstehungsland Malaysia oder in anderen Ländern Südostasiens wie Thailand, Laos, Vietnam oder Myanmar zu beobachten, der wird erst die ganze Dimension dieses Sports erfassen. Für die, die gerade nicht in dieser Region unterwegs sind, lohnt ein Blick in eine Sendung, die am 12. Mai 2002 um 12.30 Uhr in 3Sat ausgestrahlt wird. In der Reihe „Spiele der Welt“ geht es diesmal ausschließlich um die Entstehung und heutige Form von Sepak Takraw.

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