Vergeben, vergessen, verschoben, versessen…

Das Gelbe Trikot
Vergeben, vergessen, verschoben, versessen… 

29. Juni 1919. Frankreich leidet unter des Folgen des ersten Weltkrieges. Im Norden und Osten des Landes führt die Tour de France durch kriegsgeschädigte Regionen; es fehlt an Schläuchen, an Werkzeug, an Lebensmitteln. Die körperliche Verfassung der Sportler ist nach den harten Kriegsjahren alles andere als gut; sogar das Wetter passt zur Trostlosigkeit dieser Tour de France. Von den 68 Fahrern, die in Paris das Rennen aufnehmen, kehren nur elf auf dem Rad in die französische Metropole zurück.

Schon auf der ersten Etappe nach Le Havre geben 26 Fahrer auf, unter ihnen der zweifache Toursieger Philippe Thys aus Belgien. Auf der vierten Etappe nach Les Sables d’Olonne übernimmt Eugène Christophe die Führung in der Gesamtwertung. „Cricri“, der sich 1913 auch einen Namen als „Der Schmied der Tour“ gemacht hat, fährt im Trikot von „La Sportive“. Es ist grau, so wie die Zeiten, die Häuser, die Straßen, die Stimmung im Land. Henri Desgrange, der umtriebige Tourchef, will dem Alltag wieder etwas Farbe verleihen. Seine Tour de France soll die Menschen erheitern, soll die Geschichte der großen Helden wieder auferstehen lassen, am besten ein ganzes Land aufrütteln und in eine schönere Zukunft führen.

„Cricri“ erster Träger des Gelben Trikots
Mit Christophe hat er den Liebling der Massen an der Spitze des Rennens. Nun möchte er, dass die Zuschauer den „Alten Gallier“ auch frühzeitig erkennen, damit sie ihm zujubeln können. Er sucht ein Symbol, das gleichzeitig wie ein Erkennungszeichen wirkt und den Aufbruch in bessere Zeiten darstellt. Er findet ein sonnengelbes Trikot. Bis heute weiß man nicht genau, ob er einfach kein anderes hatte, oder ob er es wirklich so ausgewählt hatte, zumal seine Zeitung auf gelbem Papier gedruckt wurde.

Am 19. Juli 1919 steht Eugène Christophe im ersten Gelben Trikot der Tourgeschichte am Start der elften Etappe von Grenoble nach Genf. Er hat grau gegen gelb eingetauscht und symbolisiert so die Wiedergeburt eines Radrennens, aber auch einer ganzen Nation. Das Gelbe Trikot werde „nicht nur das Rennen erhellen“, hofft Henri Desgrange. Fortan soll es jeder Führende der Tour de France tragen. Erster Gewinner des Maillot Jaune wird der Belgier: Firmin Lambot. Mal wieder hatte Christophe einen Gabelbruch – diesmal allerdings in den Alpen.

Philippe Thys erhält Gelb mit Verspätung
Ein Jahr später haben sich die Verhältnisse für die Helden der Landstraße nur wenig gebessert. Von 113 Startern kommen gerade mal 22 im Pariser Prinzenparkstadion an. Sieger wird Philippe Thys, der damit als erster Fahrer in der Geschichte der Tour drei Siege erringt. Das Gelbe Trikot erhält er aber erst auf der 9. Etappe nach Nizza. Der überlastete Veranstalter hatte es bis dahin vergessen…

Es scheint, als habe das Trikot ab da immer seinen Besitzer gefunden. Es gab jedoch Situationen, in denen ein Fahrer seine Übernahme verweigerte. 1971 zum Beispiel will Eddy Merckx das Gelbe Trikot nicht von Luis Ocañas Schultern nehmen. Der Spanier hat dem großen Eddy kräftig zugesetzt, als er – wie so oft – auf einer Abfahrt in den Pyrenäen stürzt. Ocaña rappelt sich auf, doch gerade als er wieder auf seinen Füßen steht, wird er vom vorbeirauschenden Joop Zoetemelk erneut niedergestreckt. Die Bremsen hatten versagt! Diesmal steht der Spanier nicht mehr auf. Eddy Merckx weigert sich am Abend, das Gelbe Trikot von Ocaña zu übernehmen. Er wollte es sich mit sportlichen Mitteln zurückholen, aber das war ihm nicht vergönnt. Merckx gewinnt die Tour, doch es bleibt ein Beigeschmack.

Heute ist das „Maillot Jaune“ der Tour de France das begehrteste Trikot des Radsports. Doch nicht nur das: eigentlich gibt es im gesamten Sport kein Trikot, das mit dem Gelben der Tour vergleichbar wäre.

Eugène Christophe, sein erster Besitzer, hat es sich schließlich auf ewig und unwiderruflich gesichert: Der Franzose wurde im Gelben Trikot der Tour de France beerdigt.

Andreas Ganz

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