1920: Napoléon und der Esel

Im Jahr 1920 gewinnt der Belgier Philippe Thys, Toursieger der Jahre 1913 und 1914, als Erster die Frankreich-Rundfahrt zum dritten Mal. Und das, obwohl ihm die Konkurrenten in den Bergen ordentlich zusetzen.

Die Pyrenäen gehören Firmin Lambot, der auch die Königsetappe von Bayonne nach Luchon gewinnt und dabei alle vier Gipfel als Erster überfährt. Etwas weiter hinten im Peloton spielt sich an diesem Tag eine Tragikomödie in zwei Akten ab. Betroffen ist der Korse Napoléon Paoli.

Napoléon reitet auf dem Esel

Am Vortag der Etappe nach Luchon hatten die Organisatoren in einem Rundschreiben an die Fahrer noch vor den Gefahren in den Pyrenäen gewarnt: Schlechte Straßen, gefährlich nah am Abgrund vorbeiführende Holzfällerwege, unvermittelte Steinschläge und mitunter wilde Tiere würden den Fahrern das Leben schwer machen. Napoléon Paoli klettert jedoch ohne größere Hindernisse den ersten Berg des Tages, den Col d’Aubisque, hinauf und begibt sich anschließend auf die Abfahrt. Plötzlich, Paoli war gerade um eine schlecht einsehbare Kurve gebogen, liegt vor ihm ein Maultier auf der Straße! Er kann nicht mehr ausweichen, zum Bremsen ist es auch zu spät, und so stößt er in höchstem Tempo mit dem verdutzten Tier zusammen. In hohem Bogen fliegt der arme Paoli über seinen Lenker und landet genau auf dem Rücken des Esels, der wiederum sofort losrennt, dummerweise aber in die Richtung, aus der der Korse gerade gekommen war. Ein Zuschauer will den hilflosen Radfahrer retten und reißt dem Tier die Beine weg, woraufhin erst der Esel einknickt und anschließend Paoli unsanft auf dem Boden aufschlägt.

… und wird vom Stein getroffen

Mit üblen Prellungen schleppt er sich zu seinem demolierten Rad und setzt die Abfahrt fort. Wahrscheinlich ist er immer noch halbwegs benommen von dem gerade erlebten, als Paoli das nächste Unglück widerfährt: Wenige Kilometer nach seinem Ausritt wird er von einem Steinschlag hart am Kopf getroffen! Irgendwie schafft er es auch dieses Mal, seine Fahrt wieder aufzunehmen, doch er kommt nicht weit: Spät am Abend erreicht er den Tourmalet, den Firmin Lambot Stunden zuvor in Führung liegend überquert hatte, und sucht in einer Holzfällerhütte am Wegesrand Schutz vor der Nacht. Als er am nächsten Tag endlich den Weg aus den Bergen gefunden hat, ist es für ihn allerdings schon zu spät: Die Tour 1920 ist ohne Napoléon Paoli weitergefahren.

Andreas Ganz

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