Desgrange und die Deutschen

Gründung der Tour aus politischen Motiven

Desgrange und die Deutschen

Henri Desgrange war ein ausgezeichneter Bahnradfahrer, der 1893 den ersten Stundenrekord aufstellte und dachte, Straßenrennen hätten keine Zukunft. Er war außerdem ein leidenschaftlicher Journalist, ein Pionier in Sachen Marketing und ein Sportsmann, der allen Fahrern, egal welcher Nation, größten Respekt entgegenbrachte. Als er die Tour de France 1903 zum ersten Mal auf den Weg schickte, tat er dies jedoch nicht aus sportlichen Motiven. Die Frankreich-Rundfahrt verdankt ihre Geburt einer schweren politischen Krise.

Am 25. September 1894 findet eine als Putzfrau getarnte Agentin des französischen Geheimdienstes in einem Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris einen geheimnisvollen Brief. Darin bietet ein Unbekannter dem deutschen Militärattaché Schwarzkoppen den Verrat von Militärgeheimnissen an. Es dauert nicht lange, da hat man einen Schuldigen ausgemacht: den jüdischen Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus. Seine Überführung geschieht allerdings nicht aufgrund von Indizien, sondern ist Ergebnis eines im Generalstab weit verbreiteten Antisemitismus’. Am 15. Oktober wird Dreyfus verhaftet und am 22. Dezember trotz einiger Bedenken der Gerichtsbarkeit lebenslang auf die Teufelsinsel in Französisch-Guyana verbannt. Ein gutes Jahr später ist der wahre Verräter zwar ausgemacht, doch die Generalität versteht es, eine Wiederaufnahme der Verhandlung zu verhindern. Immerhin bekommt Dreyfus 1899 mildernde Umstände und wird begnadigt. 1906 wird er voll rehabilitiert.

Zwei Fronten innerhalb Frankreichs

In Folge der Affäre Dreyfus geht ein tiefer Riss durch Frankreich. Vor allem die katholische Kirche, konservative Kräfte und Armeeangehörige halten ihn für schuldig. Auch Henri Desgrange. Die Sozialisten und Republikaner hingegen sind von Dreyfus’ Unschuld überzeugt. So auch der Chefredakteur der Sportzeitung Le Vélo, Pierre Giffard.

Nicht zu vergessen: Bismarck hatte während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 das Elsass und Lothringen annektiert. Die Zeiten sind geprägt von (über)deutlichem Nationalismus. Das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland ist miserabel. Und Alfred Dreyfus sitzt als elsässischer Jude zwischen allen Fronten. Pierre Giffard ergreift in seiner täglich erscheinenden Zeitung Partei für ihn. Das missfällt Henri Desgrange, und das missfällt einigen von Giffards besten Anzeigenkunden. Diese, unter ihnen die Industriellen Edouard Michelin oder der Comte de Dion, suchen sich eine neue Plattform und finden sie im Jahr 1900, als Henri Desgrange mit Victor Goddet die Sportzeitung L’Auto-Vélo gründet.

Siegeszug der Tour de France

Von Anfang an ist Desgrange damit beschäftigt, den Konkurrenten auszustechen. Als im November 1902 ein junger Journalist namens Géo Lefèvre seinem Chef Desgrange die Idee von der Tour de France präsentiert und wenige Monate später tatsächlich die erste Frankreich-Rundfahrt für Radsportler stattfindet, ist Giffard am Ende. Der Siegeszug von L’Auto und der Tour de France beginnt. Doch Desgranges Rennen bleibt ein Politikum. 1907 endet erstmals eine Etappe in Metz, das zu diesem Zeitpunkt noch von den Deutschen besetzt ist. Diese geben zwar ihre Zustimmung zur Durchfahrt und heben sogar die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf. Doch mit dem Beifall der Bevölkerung, die in Metz auch noch die französische Nationalhymne „La Marseillaise“ anstimmt, haben sie nicht gerechnet. 1910 verbietet der Gouverneur für Elsass und Lothringen auf Anweisung aus Berlin der Tour eine Rückkehr nach Metz. Pierre Giffard hat inzwischen ein Angebot Henri Desgranges angenommen und arbeitet für L’Auto.

„Allez, mes petits gars…“

Im August 1914, mit Beginn des Ersten Weltkrieges, schreibt Desgrange in L’Auto (einer Sportzeitung!) einen flammenden Aufruf an seine Landsleute: „Meine lieben französischen Jungs“, beginnt er. „L’Auto erscheint nun schon seit 14 Jahren und hat euch niemals einen schlechten Rat gegeben, oder? Also hört mir zu: Die Preußen sind Dreckskerle.“ Es folgt ein Artikel, der von massiver Antipathie gegen Preußen geprägt ist und in dem Desgrange seine „Jungs“ aufruft, den Deutschen unmissverständlich klar zu machen, „dass Elsass und Lothringen französisch sind. Es wird Zeit, mit diesen dummen Übeltätern Schluss zu machen, die uns seit vier Jahren daran hindern, zu leben, zu lieben, zu atmen und fröhlich zu sein.“

Die „Jungs“ ziehen also los, um Deutschland zu bekämpfen, und sie bringen ein unfassbares Opfer: Mehr als eine Million französischer Soldaten wird getötet, beinahe eine ganze Generation ausgelöscht. Auch zahlreiche Sportler, unter ihnen die Toursieger Faber, Petit-Breton und Lapize, fallen für Frankreich. Schon 1919 findet jedoch die erste Tour nach dem Krieg statt und Desgrange lässt die wiedergewonnenen Gebiete nicht aus: Die zwölfte Etappe führt von Genf nach Straßburg, die 13. von Straßburg nach Metz.

Annäherung dank Stöpel

1930 lässt Desgrange Nationalmannschaften bei der Tour de France starten, und zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg dürfen auch wieder deutsche Fahrer teilnehmen. Zwei Jahre später wird ein junger Radsportler aus Berlin zu einem der wichtigsten Botschafter Deutschlands dieser Zeit. Der Berliner Kurt Stöpel liefert sich einen tollen, sportlich-fairen Zweikampf mit dem Franzosen André Leducq. Die beiden Kontrahenten werden richtige Freunde. Stöpel bekommt nach dem ersten deutschen Etappensieg der Tourgeschichte als erster Deutscher von Henri Desgrange das Gelbe Trikot übergestreift. Am Ende siegt allerdings Leducq. Stöpel wird Zweiter.

In L’Auto schreibt Henri Desgrange über Stöpel: „Wenn ich ihn so kommen sehe …, dann denke ich an jene Nächte im Krieg, in denen ich – in irgendeinem unsicheren Schützengraben liegend – die disziplinierten Angriffe der feindlichen Truppen über mich ergehen lassen musste. Wenn man bedenkt, was für ein Krieg das war! Hätten wir ein wenig mehr Sport zusammen getrieben – zweifelsohne hätten wir uns besser verstanden, uns bewundert, gar geliebt.“

Goddet tritt das Erbe an

Im Verlauf der Tour de France 1936 wird Desgrange krank und muss das Zepter an Jacques Goddet, den Sohn seins Kompagnons aus alten Tagen, weiterreichen. Henri Desgrange stirbt am 16. August 1940 in einer Zeit ohne Tour de France. Seine Zeitung L’Auto wird von Jacques Goddet weitergeführt. Da Goddet das Blatt auch während des Zweiten Weltkrieges im „geteilten“ Frankreich veröffentlicht, muss er all seine Kontakte zur Résistance in die Waagschale werfen, um 1946 L’Equipe als Nachfolgerin gründen und die Tour de France weiterhin ausrichten zu dürfen.

Andreas Ganz

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