Rollende Revoluzzer

1913-1935: Die Brüder Pélissier

Rollende Revoluzzer

Die Brüder Henri, Francis und Charles Pélissier zählen zu den schillerndsten Figuren, die der Radsport und die Tour de France je gesehen haben. Geboren wurden sie im 15. Arrondissement in Paris. Ihre Eltern besaßen eine Molkerei mit Namen „Vacherie de l’Espérance“.

Der Älteste der drei war Henri, der stets ein wenig hochnäsig wirkte, dabei einen sturen Kopf, aber sehr wohl auch eine soziale Ader hatte und sich gerne wie ein Lebemann präsentierte. Im Alter von 16 Jahren flog er von zuhause raus, weil der Vater seine Radfahrer-Karriere nicht tolerierte. Henri kam als Erster der drei Brüder zur Tour de France, erreichte 1912 und 1913 zwar nicht das Ziel aber wenigstens einen Etappensieg.

„Pélissier wird niemals die Tour gewinnen!“

Ein Jahr später gewinnt Henri drei Tagesabschnitte, fährt bis auf den zweiten Gesamtrang vor und gilt somit als Favorit für das kommende Jahr. Doch der Erste Weltkrieg kommt ihm dazwischen. 1919 erhält er erstmals Unterstützung durch seinen Bruder Francis. Beide gewinnen jeweils eine Etappe, beenden das Rennen jedoch nicht. Ähnlich läuft es ein Jahr später: Henri gewinnt zwei Etappen, doch die Brüder verlassen die Tour vorzeitig. Tourdirektor Desgrange, ein Konservativer, der dem relativ modernen Gedankengut der Pélissiers nichts abgewinnen kann, hat mittlerweile die Nase voll von den kapriziösen Brüdern und schreibt in L’Auto über Henri: „Pélissier versteht es nicht, zu leiden. Er wird niemals die Tour gewinnen!“

Und „Henri de France“ gewinnt doch

1923, nach zwei Jahren Pause, in denen Henri aber immerhin Paris-Roubaix (vor Francis) und Paris-Tours gewinnt, kommen die Brüder zur Tour zurück. Henri gerät sofort ins Hintertreffen, Francis stürzt und verletzt sich am Knie. Als Henri schließlich mit einem Rückstand von fast einer halben Stunde auf Ottavio Bottecchia die Pyrenäen verlässt, ist der perfekte Moment zum Aufgeben gekommen.

Doch diesmal beißen sich die Brüder durch: Henri dreht den Spieß um, fliegt mit Hilfe Francis’ wie ein Adler über die Alpen und führt in Genf das Gesamtklassement mit einer halben Stunde Vorsprung auf Bottecchia an! Die Entscheidung ist gefallen, ganz Frankreich – und allen voran Desgrange – jubelt, er wird zu „Henri de France“. Der neue Tour-König verteilt daraufhin artig Komplimente an Bottecchia und bedankt sich vor allem bei seinem Bruder, „der seit der zweiten Etappe durch eine Knieverletzung schwer beeinträchtigt war, trotz seiner Qualen weitergefahren ist und mir so gezeigt hat, was Wille und Energie bewirken können.“

Freie Menschen?

Ein Jahr später will Henri seinen Titel verteidigen, doch Bottecchia zeigt eine bestechende Form. Da kommt Henri und Francis eine der vielen Pedanterien im Tour-Reglement sehr gelegen, und sie verschaffen sich einen höchst medienwirksamen Abgang: Auf der zweiten Etappe hatte Henri zum Schutz vor der Kälte der Nacht zwei Trikots angezogen, von denen er eines bei Tagesanbruch in einen Graben warf. Allerdings ist das Wegwerfen von Dingen laut Tourreglement verboten. Als am nächsten Tag einer der Kommissäre Henri unters Trikot fasst, um zu überprüfen, wie viele Trikots er diesmal anhabe, platzt dem Champion der Kragen: „Wir sind in erster Linie Menschen, und wir sind frei!“, ruft er Tourdirektor Desgrange und dessen Helfern zu. Er rast hinter dem inzwischen gestarteten Peloton her, erreicht seinen Bruder Francis und überredet ihn sowie seinen treuen Helfer Maurice Ville zur Aufgabe des Rennens.

Sträflinge der Landstraße

Unmittelbar danach treffen sie auf den Journalisten Albert Londres, der nach einem emotionalen Gespräch mit Henri, Francis und Maurice seinen berühmten Artikel über die „Sträflinge der Landstraße“ verfasst. Er löst damit auch den ersten Doping-Skandal in der Geschichte der Tour de France aus, denn die Pélissiers öffnen zunächst einmal ihre Taschen, um ihm zu zeigen, welcher Hilfsmittel man sich bedienen müsse, um diese Tortur zu überstehen: Kokain für die Augen, Chloroform fürs Zahnfleisch und jede Menge Pillen für Beine und Körper. „Demnächst fahren wir mit Dynamit“, fügt Francis hinzu. Er und sein Bruder nehmen daraufhin nie wieder an der Tour teil, sorgen aber für ein paar Lockerungen im teilweise unnötig strengen Reglement. Von diesen darf nun der Dritte im Bunde, Charles Pélissier, profitieren.

Charles, der Rekordsprinter

Seine Premiere gibt er 1929 und, der Tradition seiner Brüder folgend, gewinnt gleich eine Etappe. Seinen Karrierehöhepunkt erlebt Charles ein Jahr später. Er kommt zur Tour, gewinnt die erste Etappe und fährt damit ins Gelbe Trikot. Die Frauen liegen dem gutaussehenden Sprinter zu Füßen, sie schmachten ihn an und werfen ihm auf seiner Ehrenrunde Blumensträuße zu. Das scheint Charles so sehr zu motivieren, dass er noch sieben weitere Etappen gewinnt, davon die letzten vier der Tour 1930 in Folge! So viele Etappen bei einer einzigen Frankreich-Rundfahrt können ansonsten nur Eddy Merckx (1970 und ’74) und Freddy Maertens (1976) erringen. Es dauert sogar 69 Jahre, ehe Mario Cipollini das Kunststück vollbringt, ebenfalls vier Etappen in Folge für sich zu entscheiden.

Doch auch Charles ist nicht unbedingt pflegeleicht: Beim Zieleinlauf der 19. Etappe auf der Rennbahn von Charleville kommt es zu einer Rempelei mit dem Italiener Guerra. Kaum haben beide den Zielstrich passiert, entwickelt sich eine Prügelei unter den beiden Fahrern, die auch aufs Publikum überspringt. Zuvor waren Henri schon zwei Etappen aberkannt worden, seine Bilanz betrüge sonst einzigartige zehn Tageserfolge bei nur einer Tour!

Trauriger Abgang

Während dieser erfolgreichen Jahre des jüngsten Pélissiers wird das Leben für Henri immer schwerer. Er hat massive psychische Probleme, die noch schlimmer werden, als sich 1933 seine Frau Leslie das Leben nimmt. Er lebt daraufhin, von Kummer geplagt, mit einer jungen Frau namens Miette zusammen, die ihn bei einem Streit am 1. Mai 1935 mit fünf Kugeln aus der selben Pistole erschießt, die zwei Jahre zuvor dem Leben von Leslie ein Ende gesetzt hatte.

Charles gewinnt bei der Tour de France zwei Monate später noch einmal zwei Etappen und wird Dreizehnter. Es ist der letzte Auftritt eines Pélissiers bei der Tour. Francis stirbt am 2.02.1959; sein Bruder Charles nur drei Monate später, am 28.05.1959.

Andreas Ganz

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