Schöner als Doping

Der ‚Unaussprechliche’ war nicht da – und doch allgegenwärtig. ‚Er, dessen Name nicht genannt werden darf’, verführte den Direktor der Tour de France, Christian Prudhomme, zu einem flammenden Appell: „Die Tour ist stärker als Doping!“ rief er dem prallgefüllten Auditorium im Pariser Palais des Congrès zu.

Dabei wird er sich gefragt haben, warum ausgerechnet in diesem Jahr so viele Menschen zur Strecken-Präsentation gekommen waren. Wirklich aus Interesse an dem sicherlich spektakulären Kurs der 100. Tour de France im kommenden Jahr? Oder warteten sie auf eine Reaktion des Herrn über das wichtigste Radrennen der Welt zu ‚Ihm’, dem Serientäter, dem siebenmaligen Gewinner der Rundfahrt? Prudhomme nahm den Namen nicht in den Mund, sprach trotzdem über ‚Du weißt schon wer’ und verwunderte kritische Beobachter mit der Aufforderung an die Teammanager und Sportlichen Leiter, über die Einhaltung der Regeln zu wachen. Kann man einen Neuanfang machen, ohne die Vergangenheit beim Namen zu nennen? Kann man von Finsterlingen wie Alexandre Vinokourov, Fremdblut-Doper, amtierender Olympiasieger, kommender Sportlicher Leiter bei Astana oder Bjarne Riis, bekennender EPO-User, Toursieger 1996 und Teammanager beim Contador-Team Saxo Bank erwarten, dass sie ihre Mannschaft ohne faulen Zauber leiten? ‚Expecto Patronum’ – ‚Ich erwarte meinen Schutzherrn’ hätte Prudhomme den Dementoren vom Radsport-Weltverband UCI entgegen rufen können, doch auf Hilfe durch dessen anwesenden Präsidenten Pat McQuaid zu hoffen, wäre wirklich zu naiv. Prudhomme ist jedoch stets bereit, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen, was für manche Teams und sogar für die UCI noch Überraschungen bringen könnte. Wenn die Bastion Tour de France fällt, ist es mit dem Straßenradsport vorbei. Das hat man sogar beim Weltverband begriffen. Wichtigster Mann im globalen Radsport ist daher nicht Pat McQuaid sondern Christian Prudhomme. Und der hatte nicht vor, sich die Feierstimmung vermiesen zu lassen.

 Prudhomme lässt sich das Feiern nicht verbieten

Nach einem kurzen Zwischenfilm stand plötzlich ein ganz anderer Tourdirektor auf der Bühne. Gut gelaunt, fast schon ausgelassen und vor Stolz beinahe platzend, wandte sich Prudhomme dem eigentlichen Thema des Tages zu: Der Vorstellung der Jubiläums-Tour 2013. Und, wie immer, wenn er sein Rennen im Kern bedroht sieht, versucht es Prudhomme mit Bestechung. Mit äußerer Schönheit will er der inneren Zerrissenheit des Radsports begegnen. Was liegt da näher, als das Rennen auf der „Insel der Schönheit“ Korsika zu beginnen? Drei Etappen lang wird die Tour erstmalig in ihrer Geschichte über die Mittelmeer-Insel führen und den Zuschauer besoffen und berauscht von der Flut herrlicher Bilder in seinem Sessel zurücklassen. Was spielt es da noch für eine Rolle, wer die Etappen gewinnt? Weiter geht es mit einem Mannschaftszeitfahren in Nizza, über die Promenade des Anglais, wo natürlich die britische Mannschaft Sky und ihr amtierender Tour-Sieger Bradley Wiggins, der stets so aussieht, als würde er gleich eine Gitarre in die Hand nehmen und mit The Who ein Konzert absolvieren, gewinnen wird. Marseille, Aix-en-Provence, Montpellier, die Pyrenäen – wer liegt noch mal vorne? Ein Transfer per Flugzeug in die Bretagne, Zielankunft des ersten Einzelzeitfahrens zu Füßen des legendären Mont-Saint-Michel, vorbei an den Schlössern der Loire, 242 Kilometer am französischen Nationalfeiertag zum Mont Ventoux, wo gefälligst ein sauberer Franzose mit großem Anlauf zum Tagessieg klettern soll. Über die Route Napoléon nach Gap, zweites Einzelzeitfahren am herrlichen Stausee Serre Ponçon zu Fuße der französischen Alpen, Bergetappe nach L’Alpe d’Huez, nicht einmal, nein, zweimal an einem Tag. Alberto Contador in Gelb? Egal, ab nach Le-Grand-Bornand, nach Annecy-Semnoz mit Blick auf den Mont Blanc, Start der letzten Etappe am einzigartigen Schloss von Versailles am frühen Abend. Letzte Runden auf den Champs-Elysées bei Flutlicht, dieses Mal sogar um den Arc de Triomphe herum, Podium unter Sternen und einem gigantischen Feuerwerk. ‚Wer hat noch mal gewonnen?’ ‚Keine Ahnung, ich hab nur auf den Himmel geschaut.’ Was für eine schöne Tour.

 Die Tour: Ein Sportereignis!

Und doch wird dieses Ereignis nach wie vor unter der Rubrik Sport geführt. Unter den Favoriten auf den Gesamtsieg rangiert Alberto Contador, der bereits drei Mal die Tour gewann, einen Titel aber wegen Dopings aberkannt bekam. Andy Schleck, der Contadors Titel 2010 erhielt, möglicherweise aber ohne seinen des Dopings verdächtigen Bruder Fränk auskommen muss, werden Chancen eingerechnet, falls er nicht auf seinen Vater Johnny hört und dem Radsport den Rücken kehrt. Trotz allem wird auch in Amerika weiter Rad gefahren, dort hofft man auf den besten Jungprofi 2012, Tejay van Garderen. Vorjahressieger Wiggins sieht sich indes im Nachteil, da es 2013 nur wenige Zeitfahr-Kilometer gibt, was wiederum seinen Teamkollegen Christopher Froome beflügeln dürfte. Nachteil für beide: Da sich das Team Sky derzeit sämtlicher Doping-vorbelasteter Sportlichen Leiter und Ärzte entledigt und auch nur noch solche einstellen möchte, die niemals in ihrer Karriere etwas mit Doping zu tun hatten, werden Wiggins und Froome womöglich ganz ohne Betreuer auskommen müssen. Den Sprinter des Teams, Mark Cavendish, hat man durch die Fokussierung auf das Gesamtklassement in Richtung Belgien verjagt, wo er im kommenden Jahr in einem Team mit Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin fahren wird. Konkurrenz für Cavendish kommt aus Deutschland von den beiden Youngstern John Degenkolb und Marcel Kittel sowie dem dreifachen Tour-Etappensieger André Greipel. Zu gerne würden sie Cavendishs Serie auf den Champs-Elysées brechen, wo der Brite zuletzt vier Mal in Folge triumphierte und wo sich die verbliebenen Fans des Radsports wünschen, einen vertrauenswürdigen Fahrer in Gelb zu sehen. ‚Protego Horribilis’ – ‚Schütze uns vor dem Schrecklichen!’ Wenigstens wird ‚Er’ nicht mehr siegen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei.

Andreas Ganz für das Magazin Forum im Oktober 2012

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