Die schwarze Ära

Als Lance Armstrong 1999 zu seiner insgesamt dritten Tour de France antrat, lag der Radsport in Trümmern. Dopingskandale bei der Tour hatte es schon immer gegeben, doch erst die Festina-Affäre von 1998 hatte der Öffentlichkeit unmissverständlich die Zustände im Radsport aufgezeigt.

Organisiertes Team-Doping unter Einbeziehung der Fahrer, Betreuer, Sportlichen Leiter und Mediziner war an der Tagesordnung. Das Wissen um die Doping-Praktiken reichte offensichtlich bis in die höchsten Funktionärs-Kreise des Weltradsport-Verbandes UCI und seines damaligen Präsidenten Hein Verbruggen. Genau da erschien wie aus dem Nichts der rettende Engel Lance Armstrong. Etwas Besseres als ein Mann, der sich, eben noch von einer todbringenden Krankheit geheilt, nun anschickte, eine der schwersten sportlichen Prüfungen der Welt als Erster zu bewältigen, konnte dem Radsport nicht passieren. Seine Geschichte war zu schön, zu gut, zu ergreifend, als dass man sie hinterfragt hätte. Stattdessen stürzten sich alle dankbar auf ihn und seine wunderbare Wiederauferstehung: Der Radsportverband, die Sponsoren, die Rennveranstalter, die Medien, die Zuschauer. Vergessen und verdrängt war die unselige Tour des Jahres 1998. Die dringend benötigte Aufarbeitung der Geschehnisse blieb aus.

Armstrongs sportlicher Erfolg war indes keineswegs überraschend, schließlich war es bereits das zweite Mal, dass er die Radwelt mit seinem Auftritt überrumpelte. Schon 1993 gewann er mit 20 Jahren seine erste Tour-Etappe und wurde drei Monate später jüngster Straßenrad-Weltmeister aller Zeiten. Zwei Jahre und einen Tour-Etappensieg später folgte die erschreckende Diagnose: Hodenkrebs. Doch Armstrong überwand die Krankheit, er tat sich mit einigen der renommiertesten Radsport-Experten der USA zusammen und bastelte an seiner Rückkehr ins Peloton. Seine Förderer Jim Ochowitz und Chris Carmichael waren keine unbeschriebenen Blätter, ihnen wurde schon Ende der 90er Jahre vorgeworfen, sie hätten Doping nicht nur toleriert, sondern sogar forciert, sie schreckten auch vor dem Dopen Minderjähriger nicht zurück. Mit dem Belgier Johan Bruyneel holte man den passenden Sportlichen Leiter ins Boot. Systematisches Team-Doping, wie es Festina 1998 vorgemacht hatte, war nicht abgeschafft. Es wurde von Armstrong und seiner Entourage zur Perfektion gebracht.

Niemand hätte die Hauptfiguren der folgenden Radsport-Jahre besser aussuchen können als das Leben selbst. Hier der “Tourminator” Lance Armstrong, da der “Kaiser” Jan Ullrich. Auf der einen Seite der akribische Arbeiter aus Texas, der nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überließ; dort das ultimative Supertalent, das schlampige Genie aus Rostock. Der Mann aus der Neuen Welt revolutionierte den Radsport mit völlig eigener Fahrtechnik, neuesten Trainingsmethoden, Beratung durch die anerkanntesten Fachleute aus unterschiedlichsten Gebieten und modernsten Hilfsmitteln aus der Welt der Pharmazie. Er rockte das Alte Europa mit dessen im Winter übergewichtigen, sich auf seine einzigartige Veranlagung verlassenden, von seinem gigantischen Sponsor Telekom überbehüteten Wunderkind Ullrich. Armstrong nahm der Tour de France ihren Charme, er führte sie in allen Belangen in eine neue Ära, er machte alle, die mit diesem Spektakel Geld verdienen glücklich, so glücklich, dass er sie nach und nach sämtlich korrumpieren konnte. Nur einen hatte er nie überzeugt: Den französischen Zuschauer. Dieser liebte die gebrochene Persönlichkeit eines Jan Ullrich, er liebte dessen zweite Plätze so wie er in den 1960er Jahren die zweiten Plätze von “Poupou” Raymond Poulidor mehr geliebt hatte als die Siege des “Kühlen Normannen” Jacques Anquetil.

Diese Abneigung gegen seine Person konnte Armstrong nie verstehen. Man musste ihn doch einfach bewundern! Ihn, den Seriensieger der Tour de France, der dem Rennen und mit ihm  dem französischen Volk auf der ganzen Welt zu noch mehr Beliebtheit verholfen hatte. Den Wohltäter, der nach seiner überstandenen Krankheit die Stiftung Livestrong gegründet hatte, um Millionen krebskranker Menschen auf der ganzen Welt zu helfen. Der so vielen Menschen Hoffnung gemacht hatte, weil er der lebende Beweis dafür war, dass man auch die schwerste persönliche Krise überwinden und neue Ziele, seinen sie auch noch so hoch, erreichen kann. Die gesamte Sportwelt war hin und her gerissen zwischen der Hochachtung für den Menschen Armstrong und der schnell einsetzenden Skepsis gegenüber seiner unnachgiebigen Siegermentalität. Den Funktionären, Rennveranstaltern, Sponsoren, Medien und sonstigen Günstlingen des Amerikaners war dieser Zwiespalt egal. Sie waren der dunklen Seite seiner Macht erlegen. Von diesem Mann konnte man einfach nur profitieren. Er exportierte den Radsport nach Übersee und eroberte den gesamten anglofonen Sprachraum. Er brachte die dicksten Sponsoren mit zur Tour, in seinem Licht sonnten sich Funktionäre des Radsports, Schauspieler, Menschen aus höchsten Führungspositionen bis hin zu Staatspräsidenten. Er fuhr Rad mit George W. Bush, er ging zum Mittagessen mit Nicolas Sarkozy und Carla Bruni.

“Lance Armstrong hat nie, nie, nie gedopt”, behauptete noch 2011 der ehemalige UCI-Präsident Hein Verbruggen. Vorausgesetzt der Niederländer, Präsident der Welt-Sportverbände, Vorsitzender der Koordinierungskommission für die Olympischen Spiele von Peking und Athen und Ehrenmitglied des Internationalen Olympischen Komitees, ist noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, so lässt seine Aussage nur den Schluss zu, dass Tyler Hamilton Recht hat. Der ehemalige Teamkollege Armstrongs verlor seinen Olympiasieg im Zeitfahren, nachdem ihm insgesamt drei Mal in seiner Karriere Doping nachgewiesen wurde und er 2011 mit einem Geständnis rausrückte. Hamilton hat gerade in den USA ein Buch mit dem Titel „The Secret Race“ herausgebracht und widmet sich darin ausführlich dem „System Armstrong.“ Von diesem System ließ sich jahrelang auch die UCI vereinnahmen, die 2001 eine positive Dopingprobe von der Tour de Suisse gegen Zahlung eines sechsstelligen Betrages unter den Tisch fallen ließ. Das Geld sei für den Anti-Doping-Kampf bestimmt gewesen, so Armstrong und die UCI einhellig, doch Hamilton berichtet von einem Anruf Armstrongs bei Hein Verbruggen, während dem ihm die Vertrautheit der beiden äußerst befremdlich erschien. Verbruggens Nachfolger  Pat McQuaid wollte das Goldene Kalb Armstrong natürlich auch nicht zur Schlachtbank führen, und so überraschte er seit seinem Amtsantritt 2005 immer wieder mit ausgesprochen Armstrong-freundlichem Verhalten. Erst jetzt, wo sich die Realität des Radsports nicht mehr wegleugnen lässt, wendet sich McQuaid öffentlich von ihm ab und verkündet, er habe keine Angst, die Armstrong-Jahre zu einer „schwarzen Ära“ zu erklären und, sollten dem Seriensieger dessen sieben Tour-Titel aberkannt werden, die ersten Plätze nicht neu zu vergeben.

Auch Floyd Landis war einst Teamkollege von Armstrong und wurde 2006 sogar Toursieger. Nur kurze Zeit allerdings, denn sein Sieg wurde ihm wegen Dopings aberkannt. Er sammelte daraufhin fast zwei Millionen Dollar an Spenden, um seine Verteidigung finanzieren zu können. Die beinhaltete unter anderem einen Hack in den Computer des französischen Anti-Doping-Labors von Châtenay-Malabry. 2010 schließlich glaubte er seine Geschichte selber nicht mehr und packte aus. Nicht zur Freude von Armstrong, den er schwer belastete und nicht zur Freude der UCI, die ihn seither juristisch verfolgt. Damit ist Landis nicht der Einzige. Auch andere, die sich an die UCI gewandt hatten, um per Geständnis etwas zur Aufklärung über die Zustände im Radsport beizutragen, wurden wie der Deutsche Jörg Jaksche vom Dachverband zurückgewiesen oder ebenfalls verklagt wie der irische Ex-Profi Paul Kimmage. Der UCI und ihren Präsidenten Verbruggen und McQuaid dürfte daher nicht gefallen haben, dass die Amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA noch ein paar glaubwürdigere Zeugen in ihren Nachforschungen über Lance Armstrong fand als Hamilton und Landis. Unter anderem mit Hilfe dieser Aussagen entstand das Bild eines Mannes, der bei sämtlichen Toursiegen gedopt war; der Zeugen einschüchterte, Kollegen zum Dopen animierte, Präparate in Umlauf brachte, Funktionäre schmierte und womöglich seine Stiftung Livestrong zum Tarnen von Doping-Praktiken nutzte. Die USADA schaffte es, Armstrong so sehr in die Ecke zu drängen, dass er das Handtuch warf. Zu einer öffentlichen Verhandlung, die zudem strafrechtliche Konsequenzen für ihn haben könnte, darf es aus seiner Sicht nicht kommen. Armstrongs Ankündigung fortan zu schweigen wird auch bei seinen Mitverschwörern für Aufatmen gesorgt haben.

Trotzdem versprach UCI-Präsident Pat McQuaid unter dem Druck der letzten Ereignisse, er werde Kronzeugen zukünftig mit reduzierten Sperren belohnen. Gleichzeitig kritisierte er Tyler Hamiltons Buch. Reden ja, aber nicht in der Öffentlichkeit – das ist typisch UCI. Dem Weltverband ist es wichtiger, die eigenen Verstrickungen unter der Decke zu halten und die lukrativen Geschäfte nicht zu gefährden als den Radsport in eine Zukunft zu führen, in der Doping nicht die Voraussetzung für Erfolg ist. Bedauerlich, dass aus Deutschland keinerlei Unterstützung für den sauberen Weg zu erwarten ist. Zu undurchsichtig ist die Rolle, die das Präsidium des Bundes Deutscher Radfahrer um Rudolf Scharping, Burckhard Bremer und Udo Sprenger in der deutschen Radsport-Vergangenheit spielte.

Lance Armstrong hatte die Radwelt mehr als ein Jahrzehnt lang in seinem Griff. Kamen seine Kollegen bei ihm vorbei, lud er sie ein, sich aus seinem Kühlschrank mit EPO zu bedienen, so wie andere Menschen ihren Gästen ein kühles Getränk anbieten. Womit Armstrong nicht rechnete, war, dass eben diese Kollegen eines Tages mit Geständnissen über ihre Missetaten mehr Geld verdienen würden als mit Radfahren. Dies trägt nicht gerade zu ihrer Glaubwürdigkeit bei, weshalb die Geschichte an einem Endpunkt angelangt ist, der zwei gespaltene Lager aus Armstrong-Befürwortern und Armstrong-Gegnern hinterlässt. Eine objektive Betrachtung des Amerikaners wird es womöglich niemals geben.

Andreas Ganz für das Magazin Forum im September 2012

 

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