Mut zur Langsamkeit

Wenn im März die ersten Sonnenstrahlen hervorkommen und die Radprofis mit Paris-Nizza, dem “Rennen zur Sonne”, die Radsaison in Europa eröffnen, juckt es auch Freizeit-Radler in den Beinen. Doch der Winter hat bei den meisten Fahrern Spuren hinterlassen – und ebenso bei ihren Rennmaschinen. “Zwei Tage vor der ersten Ausfahrt sollte man die Reifen kontrollieren. Sie werden im Winter oft porös und verlieren dadurch Luft“, meint Ex-Radprofi Uwe Peschel. Er bietet in seiner Heimat am Bodensee Radtrainings für Hobby-Fahrer an. “Eine Dreifach-Schaltung macht dort auch am Straßenrad durchaus Sinn, ist im Saarland aber nicht zwingend erforderlich”, findet Peschel. Weitaus wichtiger: Die Sitzposition. “Das Fahrrad muss an die Person angepasst werden, nicht umgekehrt, schließlich muss ich mich auf dem Rad wohlfühlen.”

Hilfe beim Finden der richtigen Position erhält man in guten Radläden, wo mittels einer speziellen Software eine nahezu “orthopädische Beratung“ gewährleistet wird. Gerade zu Beginn der Saison habe man oftmals nicht das Gefühl, mit seiner Maschine Eins zu sein, denn „der Körper zieht sich im Winter zusammen. Nach ein paar Wochen und steigenden Temperaturen wird man sehen, ob man die Sitzposition verändern oder die Einstellungen vom Vorjahr beibehalten sollte.”

Ist das Rad auf Vordermann gebracht, stellt sich die Frage, in welchem Zustand sein Fahrer aus dem Winter gekommen ist. Ein Leistungstest auf dem Ergometer gibt Aufschluss darüber, welche Belastung man seinem Körper zumuten darf. Will man sich wirklich eine bessere Fitness verschaffen, ist Fahren mit Pulsuhr Pflicht. Als “Fahren nach Puls und Zeit” bezeichnet Uwe Peschel die ersten Einheiten, denn “nur Ausdauertraining ist Gesundheitstraining.” Wenn er mit seinen Radgruppen in die Saison einsteigt, dann darf einen Monat lang niemand am Trainer vorbeifahren. “Kontrolliertes Tempo üben”, nennt er das. Doch genau das fällt den meisten Radfahrern schwer. Wer kennt nicht folgende Situation: Man fährt auf einer schönen Straße und hat ein angemessenes Tempo für sich gefunden, als von hinten ein anderer Radfahrer vorbei rauscht – das schreit nach einem Rennen. Also wird die Vernunft über den Lenker gekippt und man haut in die Pedale. Es dauert nicht lange, da hat man sich dem Kontrahenten genähert, und als man ihm aus dem Windschatten heraus mit einem letzten Antritt den Rest geben will, spürt man wie das Laktat in die Beine schießt. Doch die Schmach, den Überholvorgang abzubrechen, will sich natürlich keiner geben. Also holt man nochmal alles aus sich heraus, in der Hoffnung, gleich irgendwo abbiegen und sich unsichtbar machen zu können, um sich am Straßenrand von dieser extremen Belastung zu erholen. Für Radamateure auf der Suche nach einem kleinen Wettkampf schmerzhafte Gewohnheit, zu einem frühen Zeitpunkt der Saison aus Sicht von Uwe Peschel ein absolutes No-Go. “Nach einem Monat kontrollierten Fahrens stellt sich ein Trainingseffekt ein. Nach zwei bis drei Monaten spürt man einen echten Effekt und der Spaß beginnt. Diese Geduld muss man aufbringen, wenn man sich und seinem Körper etwas Gutes tun will”, sagt Peschel, unter anderem Olympiasieger im 100-km-Straßenvierer sowie Zweiter und Dritter bei Weltmeisterschaften im Einzelzeitfahren.

Obgleich viele seiner Teilnehmer zunächst Probleme hatten, sich auf die kontrollierte Fahrweise einzulassen, hat Uwe Peschel in seinen Trainingsgruppen eine Wiederholungsquote von über  50 Prozent. “Am Anfang der Saison geht es um den Fettstoffwechsel. Der wird durch angemessenes Tempo ausgelöst, nicht durch harte Fahrten.“ Peschel hält daher nichts von zu früher Belastung. “Abnehmen tue ich nicht durch immer intensiveres Fahren. Ich kann meine Ernährung durchaus auf mein sportliches Programm ausrichten, aber bei einem vernünftigen Grundlagentraining brauche ich anschließend keine Pasta-Party.” Außerdem ist es durchaus hilfreich, sich mit anderen zu festen Terminen zu verabreden, denn so lässt man auch an Tagen mit schlechtem Wetter, wenn es schwer fällt, sich selbst zum Radfahren zu motivieren, keine Einheit aus.

Andreas Ganz für das Magazin Forum im März 2012


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