Mythos Alpen

Auf Bergetappen werden Helden geboren und Tragödien geschrieben, vor allem in den Alpen. Die Historie der Tour de France ist voll davon: Bartali, Coppi, Hinault, Ullrich, Armstrong, die Liste großer Namen ist lang. Sie alle haben hier ihre Höhen erlebt – und ihre tiefsten Tiefen.


Die Götter zürnten. Diese Behandlung der Tour de France war ihnen zuwider. Am Vorabend der Alpenetappe nach Les Deux Alpes im Jahr 1998 schickten sie daher ein heftiges Gewitter auf die Menschen herab. Der nächste Tag begann, ohne dass es hell wurde. Eisregen, Kälte, Wind am Start in Grenoble, wo 1919 das erste Gelbe Trikot der Tourgeschichte vergeben worden war. Als Zeichen des Aufbruchs in eine andere Welt, die sich von der Depression des Ersten Weltkrieges befreien wollte. Ein Trikot, gelb wie die Sonne. In einer Zeit, grau wie die Stimmung, die Häuser, die Kleidung der Menschen, die so viel und so viele in diesem schrecklichen Krieg verloren hatten. Eugène Christophe, Liebling der Massen, erhielt das erste Gelbe Trikot. Er trug es in Grenoble, er trug es in den Alpen und den Pyrenäen, er trug es viele Tage, doch er trug es nie nach Paris. Fast 70 Jahre später trug auch Jan Ullrich in Grenoble Gelb.

Die Alpen wurden zu Jan Ullrichs Waterloo

„Der Kaiser“ hatten sie ihn in Frankreich im Jahr zuvor getauft, als er der erste deutsche Toursieger der Geschichte wurde. Aber 1998 war ein anderes Jahr. Eines, das mit der Festina-Affäre begonnen hatte. Eines, in dem Ullrichs Team plötzlich nicht mehr die Dominanz der beiden Vorjahre ausstrahlte. In dem Ullrich in den Pyrenäen nach einem Defekt alleine den Anschluss an seine Herausforderer suchen musste. In dem sich vor der von Regenwolken umhüllten Kulisse der Alpen ein Drama abspielte. Wo die Kamera-Hubschrauber nicht starten konnten. Die Kameras der Motorräder beschlugen. Regentropfen auf der Linse. Bildausfälle. Hier und da blitzten die Lichter der Begleitfahrzeuge auf, reflektiert vom Grau der Wolken und des Nebels. Götterdämmerung in Grenoble. Jan Ullrich hasste die Kälte. Den Wind. Den Eisregen.

Marco Pantani stürzte am Col de la Croix de Fer. Dabei wollte er seine Chance in den Alpen nutzen. Musste er, denn in den Pyrenäen hatte er Ullrich nach dem verlorenen Zeitfahren nicht genug Zeit abnehmen können. Doch nun bauten die Konkurrenten ihren Vorsprung aus. Unter ihnen Ullrich und mit ihm Fernando Escartìn und Luc Leblanc, die den Deutschen am Col du Télégraphe mit einer Serie von Angriffen traktierten. Ullrich hielt dagegen, seine Teamkollegen fielen zurück. Auch Bjarne Riis, Toursieger von 1996. Am Col du Galibier gingen die Attacken weiter. Plötzlich war auch Pantani wieder da. Ullrich setzte einen Nadelstich, konnte sich aber nicht absetzen. Fünf Kilometer unterhalb des Gipfels der entscheidende Angriff. Pantani trat an, Ullrich blieb sitzen. Er litt. Er raste den Berg hinab, durch Kälte und Eis. Er hatte einen Defekt in der Ebene zwischen Galibier und Les Deux Alpes. Musste auf das Teamfahrzeug warten. Er fror, aß nicht genug. Ein Mechaniker sprang aus dem Auto, tauschte Ullrichs Rad. Riis schloss zu ihm auf. Doch Ullrichs Körper wollte nicht mehr. Er büßte seinen Vorsprung auf Pantani ein. 14 Sekunden hatte er noch, als er am Anstieg nach Les Deux Alpes ankam. Die Sonne ging an diesem Tag nicht mehr auf. Der Mann in Gelb verlor. Minute um Minute. Die Tour de France. Das Gelbe Trikot. Für immer. Er trug es nie wieder.

Kurt Stöpel 1932 lange das Gelbe Trikot und wurde Gesamtzweiter

Schnee und Eis in den Alpen sind in der Geschichte der Tour de France nichts Ungewöhnliches. 1932 verlor der erste deutsche Träger des Gelben Trikots, Kurt Stöpel, die Tour in den Alpen an den französischen Dandy André Leducq. Stöpel, in der Endabrechnung Gesamtzweiter und damit bis 1996 bester Deutscher, verlor auf einer legendären Schnee-Etappe nach Aix-les-Bains 13 Minuten auf Leducq, der seinem deutschen Kontrahenten im Tourziel in Paris ein großes Kompliment machte: „Madame Stöpel“, sagte er zu dessen Ehefrau. „Wir beide, Kurt und ich, haben die Tour de France gewonnen.“ Eine deutsch-französische Freundschaft zu einer Zeit, als die Beziehung beider Länder ausgesprochen frostig war. Ironie des Schicksals: Kurt Stöpel wurde während des Zweiten Weltkrieges von einem ehemaligen Rennfahrer-Kollegen, dem Franzosen Robert Oubron, gefangen genommen. Den Triumph Jan Ullrichs erlebte Stöpel nicht mehr – einen Monat vor dessen Toursieg starb er in einem Altenheim in Berlin.

Die “Mörder” kennen keine Gnade

Erfunden wurde die Tour de France im Jahre 1903, weil Henri Desgrange seiner Zeitung L’Auto mit dramatischen Geschichten über die Helden der Landstraße erhöhte Verkaufszahlen bescheren wollte. Seine Strategie ging auf, doch schnell waren die teilweise mehr als 500 Kilometer langen Etappen über Land dem Tourdirektor nicht mehr spektakulär genug. 1910 nahm er daher die Pyrenäen ins Profil der Frankreich-Rundfahrt auf. Hier konnte Desgrange dem menschlichen Leiden eine neue Dimension verleihen und damit dem Publikum leidenschaftliche Artikel über kaum für möglich gehaltene Heldentaten bieten.

Hatte ihn und seine Funktionäre der Franzose Octave Lapize bei der ersten Überquerung der Pyrenäen noch mit den Worten „Ihr seid alle Mörder!“ beschimpft, fühlte sich Desgrange dadurch nur noch mehr angestachelt, weitere Höchstschwierigkeiten in den Parcours einzubauen. Also schickte er die Teilnehmer der Tour 1911 erstmals in die Alpen. Über Pässe, die keiner braucht, und die nur einem Zweck zu dienen scheinen: Sie sollen Schauplatz für Radsporttragödien sein. Col du Lautaret, Col du Télégraphe, Col du Galibier – Berge, die zum Inbegriff der Tour in den Alpen wurden, mussten erklommen werden. Auf 15 Kilogramm schweren Fahrrädern ohne Gangschaltung. Émile Georget überquerte auf dem Weg nach Grenoble alle Berge als Erster, war dabei der Einzige, der nicht absteigen musste, um sein Rad zu schieben und wurde so zum Gewinner der ersten Alpen-Etappe der Tourhistorie. Den Gesamtsieg 1911 errang er jedoch nicht, in Paris triumphierte sein Landsmann Gustave Garrigou. Desgrange war begeistert. Er konnte seine Zeitung L‘Auto mit Heldengeschichen füllen und seine Auflagenzahlen weiter steigern.

1948 wurde L’Auto in L’Equipe umbenannt. Der Wunsch nach einem sportlichen Heldenepos aber bestand weiter. Und so kam der Zeitung ein Sieger Gino Bartali gerade recht. Zehn Jahre nach seinem ersten Erfolg triumphierte der Italiener erneut und rettete damit sein Heimatland vor einem Bürgerkrieg. „Gino d’Italia“ vereinte seine Landsleute in grenzenlosem Jubel über den Toursieg. Den Grundstein dafür legte er in den Alpen, wo er drei Etappen in Folge gewann. Nach einer epischen Fahrt über drei Alpengipfel nach Briançon schrieb ein Journalist der L‘Equipe: „Aus einer Hölle aus Schnee, Wasser und Eis erhebt sich mit mächtigen Schwingen Bartali, der schlammbedeckte Erzengel, der unter seinem Trikot die wertvolle Seele eines außergewöhnlichen Champions trägt.“

Häufig wurden Wasserträger zu Königsmördern

Im Jahr darauf sollte der in die Jahre gekommene Champion dem neuen Star am italienischen Radsporthimmel, Fausto Coppi, zum Toursieg verhelfen. Bartalis Stolz war angeknackst. 1940 noch war Coppi als Bartalis Wasserträger zum Giro d’Italia gekommen, nun sollte er die Chefrolle dem Freund, der zum Rivalen geworden war, überlassen. Auf der Alpenetappe nach Briançon über Col d’Allos, Col de Vars und Col d‘Izoard – drei Berge, die bei Bartalis Toursiegen eine wichtige Rolle gespielt hatten – kam es zum legendären Pakt zwischen den beiden italienischen Champions. Ausgerechnet am Izoard, an dem Bartali die Tour 1938 und 1948 gewonnen hatte, zeigte der zweimalige Sieger Schwächen. „Gino, ich kann nicht auf dich warten, ich fahre los“, rief ihm Coppi zu. Doch Bartali, der an diesem Tag seinen 35. Geburtstag feierte, flehte ihn an: „Komm, wir fahren gemeinsam ins Ziel. Lass mich die Etappe gewinnen – dafür bekommst du den Toursieg.“ Coppi stimmte zu. Am nächsten Tag fuhr er souverän zum Etappenerfolg, distanzierte Bartali um fast fünf Minuten und übernahm dessen Gelbes Trikot. Es war der erste Toursieg des „Campionissimo“, der 1952 zum zweiten und letzten Mal Paris als Sieger erreichte.

 Hinault: Ein echter Champion – wider Willen?

1985 begann Bernard Hinaults Stern allmählich zu sinken, daher war es ein kluger Schachzug des Franzosen, seinen härtesten Widersacher Greg LeMond ins eigene Boot zu holen. Frühzeitig eroberte Hinault das Gelbe Trikot. Er fuhr einem ungefährdeten fünften Toursieg entgegen, als er auf der Etappe nach Saint Etienne stürzte und sich das Nasenbein brach. Sein Teamkollege LeMond war stark genug, um Hinault aus dem Trikot zu fahren, doch er wurde von seiner Mannschaftsleitung zurückgepfiffen. So rettete Hinault einen knappen Vorsprung nach Paris und versprach dem unglücklichen Amerikaner in der Euphorie des Sieges: „Im nächsten Jahr werde ich wieder dabei sein – aber nur, um dir zu helfen!“ Zwölf Monate später konnte sich Hinault an dieses Versprechen nicht mehr erinnern… oder war es der Reiz, der erste sechsmalige Toursieger zu werden? In den Pyrenäen griff er LeMond an, der Amerikaner war deutlich distanziert. In den Alpen, am Col du Granon, ging LeMond zum Gegenangriff über und eroberte Gelb. Tags darauf startete Hinault einen letzten Versuch, LeMond doch noch zu schlagen. Aber der konnte kontern. Gemeinsam begaben sich die beiden Rivalen auf eine 90 Kilometer lange Fahrt nach L‘Alpe d‘Huez, wo sie Hand in Hand die Ziellinie überquerten – eines der schönsten Bilder der Tourgeschichte. LeMond fuhr als erster Amerikaner in Gelb nach Paris, Hinault wurde zum Abschluss seiner Karriere Zweiter und bekam einen Abgang, der eines echten Champions würdig ist. Ein großes Duell, das im Jahr 2009 eine Neuauflage hätte erleben können, als Alberto Contador und Lance Armstrong in einem Team zur Tour antraten. Doch Armstrong und der damalige Astana-Teamchef Johan Bruyneel wollten den Spanier mit Psychospielchen schwächen. Der antwortete mit einem Angriff auf der ersten Alpen-Etappe nach Verbier. Armstrong konnte nicht folgen, der Generationenwechsel war vollzogen. Immerhin beendete er diese Tour als Gesamtdritter. Den Respekt vor seinem Teamkollegen Contador jedoch brachte der egozentrische Texaner nicht auf und verspielte damit endgültig den Nimbus eines echten Champions. Dazu gehört mehr, als sieben Mal die Tour zu gewinnen. Zum Beispiel ein Sieg bei der höchsten Bergankunft der Tourgeschichte, auf dem Col du Galibier am 21. Juli 2011. Und manchmal reicht sogar ein zweiter Platz.

Andreas Ganz für das Magazin Forum im Juli 2011

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